Quiet Quitting: Ein Trend, der keiner ist

Quiet Quitting

Quiet Quitting scheint das Buzzword der Stunde zu sein. Von kleinen Branchenportalen bis hin zu großen Nachrichtenmagazinen wie Stern, Spiegel und Co., begegnet man der schmissigen Alliteration gefühlt an jeder Ecke. In polemischen Kommentaren, kritischen Opinion Pieces und trockenen Wirtschaftsartikeln wird die „stille Kündigung“ heiß diskutiert.

Das Meinungsspektrum reicht von herablassendem Unverständnis gegenüber der angeblich faulen GenZ bis hin zu Applaus ob der dringend notwendigen Kritik an der modernen Arbeitswelt. Doch ist Quiet Quitting wirklich ein neues Phänomen und um was genau geht es dabei eigentlich?

Was ist Quiet Quitting?

Quiet Quitting ist ein Begriff, der auf der Social-Media-Plattform TikTok geprägt wurde. Er bezeichnet das, was in Deutschland oft „Dienst nach Vorschrift“ genannt wird, nämlich nur die Aufgaben zu erledigen, welche der Job vorsieht. Keine zusätzlichen Schichten, kein Checken der E-Mails nach Dienstschluss; die Arbeit Arbeit sein zu lassen, sozusagen.

Quiet Quitting ist in gewisser Hinsicht also eine Abkehr davon, sich in seiner Arbeit selbst verwirklichen zu wollen. Vielmehr liegt der Fokus dabei auf einer nachhaltigen Work-Life-Balance. Arbeiten, um zu leben, nicht Leben, um zu arbeiten, um ein altes Sprichwort zu bemühen. Durchaus nachvollziehbar, könnte man meinen. Gerade mit Blick auf die aktuelle Überstundenstatistik, aus der hervorgeht, dass allein im letzten Jahr durchschnittlich 4,5 Millionen Arbeitnehmer*innen in Deutschland regelmäßig mehr gearbeitet haben als vertraglich vorgesehen. Mehr als 20% dieser Überstunden waren zudem auch noch unbezahlt.

Neuer Begriff, bekanntes Phänomen

Neu ist Quiet Quitting hingegen nicht. Seit Jahrzehnten gibt es Untersuchungen, die belegen, dass ein gewisser Anteil der Arbeitnehmer*innen ihre Aufgaben mit dem minimal dafür notwendigen Aufwand erledigt. Thematisiert wurde dies aber eher selten. Die aktuelle Debatte gewinnt auch deshalb mehr an Fahrt, weil die GenZ, von der sie ausgeht, politischer ist als ihre Vorgängergenerationen und die Zukunft der Arbeit aufgrund von Globalisierung und Digitalisierung stärker im Fokus steht.

An einigen Stellen wird daraus leider eine Generationendebatte gemacht. Es kommt zu Pauschalisierungen á la „die hart arbeitenden Babyboomer gegen die faule junge Generation“. Das ist zum einen polemisch. Zum anderen wird damit künstlich ein Konflikt zwischen Jüngeren und Älteren befeuert, der nicht an gemeinsamen Lösungen interessiert ist. Dabei wäre es viel wichtiger, einen genaueren Blick auf die Ursprünge dieses Phänomens zu werfen.

Es geht nicht ums Kündigen

Die Pandemie fungiert für viele Probleme in HR wie eine Art Brennglas: Von stockender Digitalisierung über fehlende hybride und Remote-Strukturen bis hin zu schlechten Firmenkulturen werden lang verschleppte Baustellen sichtbar. Quiet Quitting kann in diesem Zusammenhang als Kritik der bestehenden Verhältnisse gesehen werden.

Denn ums Kündigen geht es hier ja gar nicht. Schließlich erfüllen die Mitarbeiter*innen nach wie vor ihre Arbeitsverträge. Nur eben nicht mehr. Und das ist der springende Punkt, denn er führt uns zur Frage, welche Erwartungen Arbeitgeber*innen an ihre Angestellten haben und wie zeitgemäß diese noch sind. In vielen Branchen gehört es längst zum Alltag, E-Mails auch nach Ende der Arbeitszeit zu beantworten, kurzfristig Überstunden zu machen oder an freien Tagen erreichbar zu sein.

Nichts davon ist vertraglich festgehalten, vieles wird nicht zusätzlich vergütet. Es gehört schlichtweg zum „guten Ton“. Eine Selbstverständlichkeit, die kaum jemand hinterfragt. Nicht zuletzt auch aus Angst um das eigene berufliche Fortkommen. Gleichzeitig wissen wir aber nicht erst seit Kurzem, dass Mehrarbeit und Stress langfristige gesundheitliche Folgen haben.

Die Quiet Quitter erteilen dem mehr oder weniger explizit eine Absage und beschränken sich auf das, was innerhalb ihrer Arbeitszeit und in ihrem Betätigungsfeld zu leisten ist. Und regen damit zum Nachdenken an. Zurecht, könnte man sagen. Wer beispielsweise um neun Uhr abends zu einem Supermarkt fährt, der um acht Uhr schließt, wird nicht erwarten, dass ein*e Mitarbeiter*in persönlich vorbeikommt und nochmal schnell für ihn*sie aufmacht. In vielen Unternehmen ist aber genau dies Alltag.

Niemand sollte sich neu erfinden müssen

Auch heutzutage wird in Bewerbungsgesprächen noch häufig die Bereitschaft zu Überstunden, Flexibilität und die Identifikation mit dem Unternehmen abgeklopft. Das mag erst einmal verständlich erscheinen. Es kann aber auch zu einer Art innerem Wettbewerb führen. Wer ist bereit, das meiste seiner*ihrer Leidenschaft, Produktivität, Kreativität in den Dienst seiner*ihrer Arbeitgeber*in zu stellen? Wer ist bereit, sich ständig neu zu erfinden?

Wer ständig mehr leistet als notwendig, läuft zudem Gefahr, keine Routinen zu entwickeln. Dabei profitieren viele Berufe gerade von routinierten Abläufen. Von Prozessen, die durch erfahrene Mitarbeiter*innen und deren Fähigkeiten optimiert werden. Nicht durch ständiges Overperformen. Angestellte, die Quiet Quitting betreiben, können daher sehr effizient sein. Sie lassen sich nur nicht ausreizen.

Mit Blick auf die steigende Anzahl von Burn-out-Erkrankungen, Depressionen und Erschöpfungssyndromen kann Quiet Quitting auch als Ressourcenerhaltungsstrategie angesehen werden. Wer Dienst nach Vorschrift verrichtet, seine Aufgaben erledigt und sich außerhalb des Jobs erholt bzw. selbst verwirklicht, ist vermutlich weniger krank und spart so Kosten. Zumal es in vielen Branchen ausreicht, wenn Mitarbeiter*innen ihr Aufgabenfeld ausfüllen.

Quiet Quitting als KPI

Der Anspruch seitens Arbeitgeber*innen, über jederzeit hochmotivierte Mitarbeiter*innen zu verfügen, die ihre Arbeit vor ihre persönlichen Bedürfnisse stellen, ignoriert zudem die individuelle Lebenssituation vieler Arbeitnehmer*innen. Ob Alleinerziehende, Menschen, die Angehörige pflegen oder Arbeitnehmer*innen mit psychischen Problemen – nicht jede*r ist überhaupt in der Lage, diese Erwartungen zu erfüllen. Selbst wenn er*sie es wollten.

Wer von seinen Mitarbeiter*innen einen konstant hohen Einsatz fordert, der über das Alltägliche hinausgeht, muss auch die Bedingungen dafür gewährleisten. Denn Quiet Quitting kann auch eine Art KPI für eine ungesunde Balance zwischen Arbeitnehmer*innen und Arbeitgebenden und damit für eine schlechte Unternehmenskultur sein.

Gerade in jungen, aufstrebenden Unternehmen erwarten Gründer*innen von ihren Angestellten häufig dasselbe Committment, das sie auch in ihre Arbeit investieren. Doch vergessen sie darüber oft, dass sie selbst Inhaber*innen oder Anteilseigner*innen sind, ihre Mitarbeiter*innen in der Regel aber nicht. Da nutzen auch ein Tischkicker und das Firmenbier nach dem verspäteten Feierabend nichts.

Die Unternehmenskultur stärken

Vielmehr braucht es eine Unternehmenskultur, in der sich Mitarbeiter*innen wohl und sicher fühlen. Und Führungskräfte, die verstehen, dass dauerhaft überdurchschnittliche Leistungen einen hohen Tribut fordern. Eine Möglichkeit, Quiet Quitting zu adressieren, sind individuelle Feedback-Prozesse, die Themen wie Werte, Selbstverwirklichung und Purpose ins Zentrum stellen und dann explizit mit dem konkreten Job verknüpfen. So lassen sich sowohl Mitarbeiter*innen individuell fördern als auch die Unternehmenskultur evaluieren.

Mit Feedback-Prozessen lassen sich zudem Quiet Quitting und die Gründe dafür relativ gut identifizieren. Der Dienst nach Vorschrift kann nämlich auch eine Vorstufe zur Kündigung sein. Wenn Mitarbeiter*innen unzufrieden sind, fahren sie eventuell ihr Arbeitspensum herunter, ohne dies explizit zu thematisieren.

Fazit: Quiet Quitting als Chance sehen

Die aktuelle Debatte um Quiet Quitting sollte vor allem als Chance angesehen werden, bestehende Arbeitsmodelle zu überdenken. Denn eigentlich geht es im Kern um Nachhaltigkeit. Quiet Quitter sind keineswegs arbeitsscheu. Sie legen nur mehr Wert auf ein ausgeglicheneres Leben. Darin liegt eine Chance für Unternehmen. Wer seinen Mitarbeiter*innen mehr Flexibilität ermöglicht, ihre Ressourcen im Blick hat und für eine Unternehmenskultur sorgt, die auf Nachhaltigkeit setzt, wird sie länger binden können. Und dann ist auch das Thema Quiet Quitting vom Tisch.

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